[Zensur] Wetten, dass es klappt?

Das leidige Thema Zensur.

Natürlich schauen wir in Deutschland erstmal von ganz Oben auf die Länder, die Zensur betreiben, all die Undemokratischen, die Achsen des Bösen, die Kommunisten, die Anderen. All dene, bei denen wir mit dem Finger deuten können und für uns das Gefühl haben „Uns geht es gut!“.

Nun, natürlich haben wir auch unsere Probleme, unsere Staatsfeinde und Angstmacher. Rechts/Linksradikale, Terroristen, Kinderschänder, Raubkopierer, Menschen mit Religionen und Verhaltensweisen die wir nicht verstehen können und der gleichen. „Böse Menschen“ halt. Davor haben wir A N G S T! Das wollen wir N I C H T! Das ist nicht N O R M AL!

Nun, dieses Jahr ist Wahljahr, da greift die Obrigkeit zu Polemik, billigem Aktionismus und macht das, was sie die restlichen Jahre machen, nur noch viel extremer und schlimmer. Von der unsäglichen, umweltschädlichen „Abwracksteuer“ rede ich gar nicht mal mehr, das begreift eh keiner, warum funktionierende Fahrzeuge wahllos der Verschrottung entgegen kommen, um ein neues zu erwerben. Nein, damit rettet man nicht automatisch die Umwelt. Vielleicht eher mal den Wagen stehen lassen oder das Licht aus machen, dürfte bei dem Deutschen Seppel effektiver sein als diese BullShit-Prämie.

Aber ich wollte ja auf Zensur zu sprechen kommen. Nun, die absolut nicht zentral gesteuerten, nicht polemischen und gradewegs nicht hasserfüllten Medien berichten natürlich kaum etwas. Das Thema um das es geht, ist Wikileaks. Für diejenigen, die es nicht kennen: Das ist ungefähr so etwas wie Wikipedia, nur das dort Informationen veröffentlicht werden sollen, die so nie jemand sehen dürfte. Geheime Dokumente quasi, wie Kürzungspläne und Entlassungspläne einer großen deutschen Eisenbahngesellschaft, Informationen über Schwarzgeldkonten oder auch Internetseiten-Zensurlisten verschiedener Länder. Letzteres wurde nun dem Inhaber der Domain wikileaks.de zum Verhängnis.

Ein kurzer Einschub für die technisch nicht so versierten. Eine Domain ist ungefähr so etwas wie eine Telefonnummer oder Straßenadresse für eine Internetseite. Dies bedeutet nicht das dort auch direkt das Telefon oder das Haus steht. Es ist grob genommen ein Verweis/Hinweis, wo der Inhalt zu finden ist. Diese Domains gibt es, damit man sich nicht immer Adressen in der Form 85.13.130.173 merken muss, sondern einfach http://www.sehr-böse.de tippen kann. Etwas vereinfacht gesagt. Dazu sei noch gesagt, das diese „Nummern“  die sogenannten IP-Adressen, in ihrer Anzahl beschränkt sind, und man mehrere Domains auf eine IP-Adresse umleiten kann, und so mehrere Domains auf einem Server hat. Das ganze ist also nicht so einfach wie man sich das im ersten Moment vorstellen könnte. Eine Internetseite liegt nicht immer genau auf einem Server, und auf einem Server liegt nicht nur eine Internetseite. Aber ich werd nun nicht in die Details gehen, wer dort mehr wissen möchte sei auf Wikipedia verwiesen als Einstiegspunkt. Zusammenfassend lässt sich sagen, das eine Domain nicht direkt mit dem Inhalt zusammenhängt, und das diese ganzen Dinge, sowohl Domain, als auch der Inhalt der Seite meist auf Servern bei Dienstanbietern liegen, im aller seltesten Fall aber bei der Person direkt zu Hause. Bedeutet also, alles was mit Domains, und Inhalten auf Webseiten zu tun hat, und im Internet zu finden ist, liegt zu 90% in einem professionellen Rechenzentrum.

Nun, zurück zur Zensur und wikileaks. Auf dieser Seite wurden die Internetzensurlisten eines Staates veröffentlicht. Australien? Dänemark?. Nein, nicht Deutschland, nein, keine geheimen Informationen aus Deutschland. Auf diesen Listen war neben zahlreichen KiPo-Domains unter anderem auch ein Zahnarzt, eine Firma  und andere Dinge, die dort eigentlich nicht hingehörten. Ein nicht unbedeutender Anteil der Einträge war bereits abgestellt und nicht mehr gültig. Diese Liste wurde nun auf wikilieaks veröffentlicht, und die Domain wikileaks.de zeigte auf diesen Inhalt.

Was dann passiert ist, will ich erstmal anderen überlassen zu erzählen:

Ein paar Meinungen gibt es auch schon:

gesperrte Intelligenz

Kinderpornographie – Wahlkampfschlager, Aktionismus, Zensur

So geht Terror – eine Theorie

Nun, die Fakten haben wir nun geklärt, beim Lesen der Artikel (Bitte die Zeit nehmen und alle lesen, es lohnt sich, auch wenn es weh tut und man sich denkt „wo leben wir“) die ersten Fragen beantwortet wurden, kann ich ja inhaltlich in meine Kritik an solchen Aktionen, an solchem blinden Aktionismus, einsteigen.

Was bringt uns eine solche Aktion? Nun, der einfache Stammtischmensch denkt im ersten Moment „Durchsuchung wegen KINDER!!!!Pornographie, der muss Dreck am Stecken haben, dem geschieht das schon recht. Mir passiert ja nichts, ich hab ja nichts zu verstecken!“ Und so eine Seite (Wikileaks), die ist ja auch nicht richtig, wenn die Pornos veröffentlichen. So denkt halt die Masse. Und wer solche Leute auch noch schützen will, die da auf solchen Seiten arbeiten (und damit die Schweinereien großer Unternehmen, Regierungen, etc aufdecken), wird gleich zum Kinderficker degradiert, oder zumindest zu jemanden, der diese Leute schützen will.

Haben wir nicht den Kopf geschüttelt, als Bush sein „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ Kredo in die Welt gesetzt und selbige mit Kriegen überzogen hat? Nun, inzwischen heisst es bei uns, wer gegen die Zensur ist, ist für Kinderficker!  Und wenn nach 3 Monaten irgend ein Ministerialrat oder Staatsekretär bei sich auf dem Schreibtisch die „aktuellen“ Internetausdrucke hat, und bei Google nach dem Begriff Kinderficker sucht, sind alle gefundenen Seiten gleich verdächtig und dürfen gesperrt werden.

Reden wir nicht davon, das Skandale (Massenentlassungen, Schwarzgeldkonten, Großbetrug, Gammelfleisch und Co.) aufgedeckt werden, reden wir von S I C H E R H E I T.

Reden wir nicht darüber, das wir die Server, (deren Adressen wir kennen!) abschalten wollen. Nein, wir wollen nur die Domains sperren. Ich verweise noch mal kurz auf den technischen Aufbau des Internets, dass diese Domains nur eine Art Abkürzung sind, zum eigentichen Inhalt, aber in keiner Art und Weise den Inhalt einer Seite beeinflussen. Es geht also nicht um die Inhalte, es geht nicht darum das wir versuchen sollten, die Inhalte aus dem Internet zu entfernen, es geht nur darum den Weg minimal zu erschweren. Denn ob nun eine Adresse in der Form www.bloedername.endung/komischer_ordner/Inhalte oder 123.123.123.321 per SMS, Mail oder schmierigen Zettel in der Eckkneipe weitergegeben wird, ändert nichts daran, das die Inhalte zu finden sind.  Wie gut solche Zensur-Listen geheim zu halten sind, haben wir ja nun schon gesehen. Profis am Werk halt. Nicht nur das wir nun alle BKA/BND/MAD IP-Adressen durch die Telekom bekommen haben, nein.. Irgendwer wird sicherlich auch dafür sorgen, die zukünftigen Sperrlisten zu besorgen.

Warum versucht man nun nicht, in Zusammenarbeit mit technischen Experten (Echten Experten, keine Parteibuch-Experten) in  Zusammenarbeit eine Lösung des Problems zu finden. Schauen wir nach Russland oder Estland, dort wissen die Leute wie man einen Server vom Netz nimmt. Es gibt genug talentierte und moralisch motivierte Leute, welche mit einer entsprechenden Infrastruktur und staatlicher Rückendeckung anfangen könnten die Server auszuschalten. Stück für Stück den Inhalt entfernen. Nur wäre das nicht so polemisch, nicht Wahljahr entsprechend und würde im schlimmsten Fall nach ein paar Monaten die Möglichkeiten zur Verbreitung kinderpornographischer Inhalte so schwer gestaltet haben, das sich die Bedürftigen für eine solche Sauerei vor ernsthaften Problemen sehen.

Aber nun genug meiner Naivität, es geht bei diesen Aktionen nicht um Kinder, es geht nicht um Schutz, es geht um die Möglichkeiten, Stück für Stück ein Abbau der sogenannten Freiheit zu begehen, die uns vorgegaukelt wird.

Erstmal die Verbrecher, Terroristen, Extremisten und Kriminellen. Dann die Abweichler, Andersdenkenden, die Protestierenden. Dann mal sehen wer noch über ist. Wir stehen sehr nahe an einem großen Konflikt, bei dem wir uns entscheiden müssen. Wandeln wir uns zu einer liberalen Informationsgesellschaft, etwas das natürlich nicht nur Vorteile halt. Oder gestalten wir unsere eigene „Mauer“, im Internet. Nur deutsches Internet für Deutsche. Wer ausländische Seiten besucht macht sich gleich verdächtig. So wie wir eine Vorratsdatenspeicherung erdulden müssen ,werden wir bald auch eine zentrale Zensur des „globalen, offenen“ Internets erleben dürfen.

Achja, schönes Detail am Rande: Wer sich auf den Webseiten des BKA die Fahndungsplakate angesehen haben soll, hat sich anscheinend auch schon verdächtig gemacht. Was auch immer man darunter verstehen soll…